Allgemeine Zeitung: Zettel’s Theater in Wörrstadt

Erschienen am 29.07.2019 um 00:00 Uhr
 

Shakespeare auf dem Rummelplatz: Auch in der neuen Umgebung ist „Der Widerspenstigen Zähmung“ gelungen.

Von Ulla Grall, Titelfoto: BK/Axel Schmitz
 
WÖRRSTADT – Des Wetters wegen ist Zettel’s Theater in die evangelische Laurentiuskirche umgezogen. Und der Wörrstädter Kulturkreis wurde vor die schwere Aufgabe gestellt, alle Zuschauer unterzubringen. Aber selbst der Weinmann´sche Weinstand fand drinnen Platz. Dank der unproblematischen Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirchengemeinde ist der Altarraum zur Bühne geworden, vor dem Altar eine Plakatwand: „Junger Mann zum Mitreissen“ (Absicht, kein Schreibfehler) wird da gesucht. Links und rechts Buden für Dosen- und Ringewerfen, ein Zuckerwatteständchen darf nicht fehlen. Schauplatz für die Shakespeare-Komödie „Der Widerspenstigen Zähmung“ ist ein Rummelplatz.
„Es ist mit Abstand das unpassendste Stück, um es in einer Kirche aufzuführen“, meint Andreas Koch, als er die Zuschauer begrüßt. „Es ist unmoralisch und frauenfeindlich.“ Und mit einem Grinsen fügt er hinzu: „Besser, es würde in der katholischen Kirche gespielt.“ Dafür erntet er wissende Lacher. Koch hat die Geschichte der beziehungsunwilligen Katharina (Franziska Langer) ins Schausteller-Milieu transferiert. „Wenn schon sexistisch und frauenfeindlich, dann bietet sich dieses Umfeld durchaus an“, erklärt er nach der Vorstellung. Und er ist sich bewusst, dass diese Haltung nicht grade von „political correctness“ zeugt. Er selbst hat nicht nur Shakespeare umgewandelt und Regie geführt, er spielt ebenfalls mit. Als „Daddy“ von Bianca (Isabelle Stolzenburg) und Katharina kommt er protzig goldschmuckbehängt daher und will doch nichts lieber, als seine beiden Töchter schnell unter die Haube zu bringen. Das wäre bei Bianca kein Problem, sie hat zwei Verehrer. Hortensio (Stefan Senf) und Lucentio (Jonathan Roth), obschon Rivalen, beschließen gemeinsam, der Kneifzange Katharina einen Gatten zu verschaffen.
 

Immer wieder wird die Story akustisch unterlegt mit Rap-Sound, recht passend zum Prolo-Outfit aller Beteiligten. Stöckelschuhe zum Trainingsanzug, auch bei Witwe Lucia (Beate Krist), Tigerlook bei Papa Baptista, Baseballkappen, Spiegelsonnenbrillen bei den Möchtegern-Mackern von Bianca.

Ehemann für Käthchen könnte Petruchio (Eric Haug) werden, der sucht eine Frau mit Kohle und traut sich zu, die Widerspenstige zu zähmen. Er hat sich in den Kopf gesetzt: „Küss mich Kate. Sonntag wird vermählt!“
Die Dialoge sind teils Shakespeare-O-Ton, teils Rummelplatz-Jargon. Man fragt sich, wo Koch diesen Slang gelernt haben mag. Den Schauspielern scheint es jedenfalls Spaß zu machen.
Nach der Pause findet die Vermählung statt. Die Braut trägt weiß, mit Flamingos auf dem Petticoat bewehrten Rock, aber Petruchio erscheint im Synthetik-Trainingsanzug. „Mir wird sie angetraut, nicht meinen Kleidern!“ Den Ring zieht er noch schnell aus dem Kaugummi-Automaten, dann befiehlt er: „Abmarsch, Weib!“ Als Druckmittel setzt der Jungvermählte den Entzug des Hochzeitsmahls ein: „Bis sie handzahm ist, bekommt sie nichts.“ Als sie ihm zu Gefallen die Sonne für den Mond erklärt, hat er sie da, wo er hinwollte.
 
Der Rest in Kürze: Bianca und Lucentino heiraten, Hortensio ehelicht Lucia. Die Wette, wessen Eheweib am besten „spurt“, gewinnt Petruchio, denn Käthchen folgt im treu ergeben. Die drei Ehemänner, die Katharinas großer Lobrede auf den Gehorsam der Gattin lauschen, merken nicht, dass sie schon längst gefesselt und geknebelt sind. „Was für ein Glück, dass wir nun wieder Single sind“, hat Katharina das letzte Wort,, und das Auditorium spendet reichlich Beifall.
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