Schauspielerin Doris Friedmann spielt in Wörrstadt Wilma Tell

Von Barbara Mümpfer (Allgemeine Zeitung Mainz)
 

Wilhelm Tell, den Schweizer Nationalhelden, und seine Geschichte vom berühmten Apfelschuss kennt jeder. Aber kann man der Überlieferung überhaupt trauen?

ROMMERSHEIM – Wörrstadt-Rommersheim. So, jetzt wissen wir endlich, wie das damals wirklich war mit Wilhelm Tell und dem Apfelschuss. Wie meinen? Das hat Friedrich Schiller doch schon in seinem Theaterstück ausführlich dargelegt? „Aber der ist Deutscher und war damals gar nicht dabei.“ Sagt wenigstens Wilma Tell, die Ur-ur-ur-ur-ur-Enkelin des zielsicheren Eidgenossen, verkörpert von der Schweizer Schauspielerin, Musikerin und Clownin Doris Friedmann.
Die Wahrheit über den berühmten Apfelschuss
Sie berichtete auf Einladung des Wörrstädter Kulturkreises in der Rommersheimer Scheier 1664 von der Reise des Reichsvogts Geßler an den Vierwaldstätter See. Und was er dort erlebte, unterscheidet sich doch ziemlich deutlich von dem Drama des deutschen Dichters.
 
Mit prallem Dirndl-Mieder, vollem Körpereinsatz und lebendiger Mimik schlüpfte die wortgewandte Künstlerin in verschiedene Rollen, die für den Fortgang des Stückes wichtig sind. Geßler, der mit dem Schweizer Adligen von Attinghausen ein „Freihandelsabkommen“ abschließen soll, ist in ihrer Version der Geschichte ein „dicklicher Ritter ohne Rüstung, ohne Bart und ohne Sinn für die Landschaft“.
 
Auf seiner Reise begegnet er merkwürdigen Ureinwohnern, die ein unverständliches Verhalten an den Tag legen und eine noch unverständlichere Sprache sprechen. Zum Glück für die Zuschauer lieferte Doris Friedmann in den meisten Fällen die Übersetzung gleich mit – abgesehen von der Stelle, an der sie als alpenländische Wirtin die Speisekarte singend zu Gehör brachte. Da musste man als Zuschauer ohne Schweiz-Erfahrung schon ganz genau hinhören, wenn man mehr als Blattspinat, Berner Platte und Schoko-Creme verstehen wollte.
Bei ihrem Parforceritt mit dem „Amtsschimmel“ des gutmütigen Beamten Geßler zog die Mimin alle Register und erwies sich als ebenso versierte Schauspielerin wie als Sängerin oder Akkordeon- und Keyboard-Spielerin. Selbstverständlich kann sie als Schweizerin auch jodeln. Aber auch ihre Gesangsstimme ist bemerkenswert, wie sie mit einem Liebeslied bewies, das in einem grandiosen Lachanfall endete. „Sie dürfen ruhig mitlachen, forderte sie die Zuschauer auf, die zuerst nicht so recht wussten, was sie tun sollten, dann aber teilweise ihrer Aufforderung nachkamen.
 
Die Zuschauer werden ins Spiel hineingezogen
Doch was war denn nun mit Wilhelm Tell und dem Apfelschuss? Doris Friedmann behauptet, das Grüßen des kaiserlichen Hutes sei ein „Ritual der mittelalterlichen Legalität“ gewesen, also eine übliche Maßnahme, um dem Kaiser seinen Respekt zu beweisen. Wilhelm Tell habe das lediglich aus Versehen versäumt und der gutmütige Geßler will ihm schon verzeihen, als die Zuschauer erneut mit ins Spiel gezogen werden. Sie sollen, erklärte die Mimin, das Volk darstellen, das sich Hoffnungen auf eine Konfrontation gemacht hat und deshalb bei dieser friedlichen Entwicklung der Geschichte laut murrt.
Das Publikum ließ sich nicht lange bitten: Offenbar wild entschlossen, sich an diesem Abend zu amüsieren, murrte es, was das Zeug hielt, bis die unselige Geschichte mit dem Apfelschuss ihren Lauf und ein schreckliches Ende nahm.
Das lieferte Doris Friedmann gleich in drei Varianten, von denen die blutige spanische Version auch gleich die Erklärung für die Löcher im Emmentaler liefert: Der schielende Tell schießt auf alles, was sich bewegt, einschließlich eines Käselaibs, der vom Berg herunter rollt. Das Publikum war begeistert.
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